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Mach dich locker!

Psychologen empfehlen Burnout-Betroffenen, nicht das gesamte Leben zu kontrollieren. Blutdruck und Puls sind bei den Erkrankten im Dauerstress.

Psychologen empfehlen: Ab und Zu ausspannen.
Psychologen empfehlen: Ab und Zu ausspannen.
Foto: ddp

Manchmal bringt es einfach nichts, sich anzustrengen. Man grübelt, weil man einen Namen vergessen hat – er fällt einem nicht ein. Man versucht schnell einzuschlafen – und liegt Stunden lang wach. Man bereitet sich detailliert auf ein Vorstellungsgespräch vor – und klammert sich dann so sehr an seine gelernten Sätze, dass man nicht spontan reagieren kann. Eigentlich wissen wir, dass es uns gut tut, locker zu lassen, dass uns dann vergessene Namen einfallen, dass wir dann einschlafen können.

Warum gelingt es uns so selten, das Leben entspannt anzugehen? Brigitte Schmidt (52) ist heute froh, dass ihr Leben vor anderthalb Jahren zusammenbrach. Die Führungskraft im Marketing eines großen Unternehmens stand vor der Arbeit am Fenster, blickte in den Garten und dachte: Ich muss Unkraut jäten. Ich muss mehr Zeit mit meiner schwer kranken Mutter verbringen. Ich muss die Nebenkostenabrechnung für die Wohnungen meines Vaters machen. Ich muss verhindern, dass mein Sohn Haschisch raucht. Sie schrieb die Punkte 17 und 18 auf ihre To-Do-Liste. In der Nacht war sie mehrmals im Schlaf hochgeschreckt, weil ihr noch etwas eingefallen war.

Hohe Motivation

Zu den Berufsgruppen, die durch Burnout betroffen sind, gehören längst nicht nur Manager. Besonders gefährdet sind auch Lehrer, Menschen in sozialen und Pflegeberufen, Polizisten – und generell Frauen und Männer, die eine sehr hohe Motivation bei der Arbeit haben.

Erste Warnsignale sind ständige Nervösität, Müdigkeit, Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen. Auch Menschen, die noch nicht die Kriterien eines Burnout-Syndroms erfüllen, aber dazu neigen, sich zu viele Aufgaben aufzuhalsen, können sehr davon profitieren, auf diese Symptome zu achten und gegebenenfalls gegenzusteuern.

Sie fuhr zur Arbeit, saß an ihrem Schreibtisch im Büro. Ein Kollege kam zu ihr, wollte einen Entwurf für ein Projekt abholen, den sie hatte überarbeiten wollen – sie erinnerte sich nicht einmal daran, am Vortag mit ihm gesprochen zu haben. Dann versuchte sie eine Wettbewerberanalyse zu schreiben – und schaffte es nicht, einen Satz zu formulieren. Ihre Vorgesetzte trat ein und sagte, sie müsse die Analyse nicht fertig machen, wenn es ihr nicht gut gehe.

Brigitte Schmidt schnappte nach Luft, doch sie hatte das Gefühl, dass nichts in ihrer Lunge ankam. Sie schluckte, da war dieser Satz, den sie oft verscheucht hatte in letzter Zeit und gegen den sie sich jetzt nicht mehr wehren konnte. „Ich kann nicht mehr“, schluchzte sie.

Während ihres gesamten Berufslebens hatte Brigitte Schmidt keine Schwäche gezeigt – jetzt weinte sie vor ihrer Chefin. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, sie zitterte. Zum ersten Mal hatte sie die Kontrolle verloren. Sie fuhr nach Hause.

Bislang hatte Brigitte Schmidt alles im Griff gehabt, die Karriere, die Familie, den Haushalt. Jetzt musste sie sich eingestehen, dass es nicht mehr ging. „Mein Wille, alles kontrollieren zu wollen, hatte mich krank gemacht“, sagt sie. Diagnose: Burn-out. Sie konnte nicht mehr schlafen, sich nicht mehr konzentrieren, war extrem vergesslich.

„Wer sein Leben völlig unter Kontrolle haben will, muss scheitern“, sagt Hannelore Weber, Professorin für Psychologie an der Universität Greifswald. Starke Stress-Symptome seien die Folge. Im Extremfall wie bei Brigitte Schmidt bis zum Zusammenbruch. Doch die meisten Menschen kennen das Gefühl, angespannt zu sein, weil etwas nicht so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt haben. Schließlich planen wir unsere Tage oft minuziös und kommen schon aus dem Konzept, wenn ein Zug verspätet ist oder wir im Stau stehen.

Chronische Belastung

Aber irgendwann kommen im Leben jedes Menschen Situationen, die nicht dadurch zu ändern sind, dass man sein Leben straffer organisiert. Bei Brigitte Schmidt wurden die Eltern pflegebedürftig, ihr 18-jähriger Sohn hatte schlechte Schulnoten und rauchte Haschisch. Doch so sehr sie sich auch ihren Eltern widmete, so sehr sie ihrem Sohn nachspionierte und seine Sachen durchsuchte: Sie konnte nicht ändern, dass es ihren Eltern schlecht ging, sie konnte nicht verhindern, dass ihr Sohn kiffte.

„Unser Leben wird zu einem großen Teil von Zufällen bestimmt und von Menschen, deren Verhalten wir nicht steuern können“, sagt Weber. „Das widerspricht dem Ideal des selbstbestimmten Menschen, wie es in westlichen Kulturen vermittelt wird.“

Viele leben nach dem Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das führt dazu, dass man permanent unter Druck steht – eine große Belastung für das Herz-Kreislauf-System. Guido Gendolla, Professor für Psychologie an der Universität Genf, erforscht diesen Zusammenhang. Er hat Experimente gemacht, bei denen Probanden in kurzer Zeit eine Liste von Namen auswendig lernen sollten. Die Testpersonen bekamen einen leichten Stromschlag, wenn sie einen Fehler machten. Die Teilnehmer in einer zweiten Gruppe erhielten den Elektroschock jeweils nach Abschluss der Aufgabe, gleichgültig ob sie erfolgreich gewesen waren. Bei den Probanden, die beeinflussen konnten, ob sie bestraft werden würden, stiegen Blutdruck und Puls rapide. Die Teilnehmer aus der anderen Gruppe ergaben sich dagegen in ihr Schicksal, ihr Herzkreislaufsystem reagierte nicht auf den Test.

„Immer, wenn man glaubt, beeinflussen zu können, wie sich eine Situation entwickelt, steigen Puls und Blutdruck“, sagt Gendolla. „Wer denkt, alles im Leben kontrollieren zu können, hat eine sehr schwere Lebensaufgabe und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit krank werden. Auf Dauer führe eine solche Belastung zwangsläufig zu chronischem Bluthochdruck.“

Am Abend des Tages, an dem Brigitte Schmidt kollabiert war, rief sie einen befreundeten Arzt an. Der empfahl ihr dringend einen Aufenthalt in einer Klinik. Brigitte Schmidt wollte nicht. Sie hielt sich nicht für krank, sie hatte Angst im Job als Drückebergerin zu gelten und abzurutschen. Sie dachte, sie könne ihren Sohn nicht ein paar Wochen allein lassen. Der Arzt machte ihr schließlich klar, dass sie das Leben mit ihren gewohnten Verhaltensmustern nicht mehr in den Griff bekommen würde. Wenige Tage später bezog sie ihr Zimmer in der Oberbergklinik in Hornberg, Schwarzwald.

Klinikchef und Chefarzt Götz Mundle behandelt viele Führungskräfte, Menschen, die sich und ihre Mitarbeiter kontrollieren, die sich für so unverzichtbar halten, dass sie nicht in Urlaub gehen wollen. „Dahinter steht die Angst, zu versagen und dann nichts mehr wert zu sein“, sagt er.

Gespräch statt Kontrolle

Auch Brigitte Schmidt hatte den Sinn ihres Lebens darin gesehen, viel zu leisten. In der Klinik lernte sie, mit sich selbst gnädiger zu sein. „Ich muss heute nicht mehr alles perfekt machen, um mich selbst zu mögen“, sagte sie. Mittlerweile arbeitet sie wieder in ihrem Beruf, aber nicht mehr bis nachts. Wenn es ihren Eltern schlecht geht, nimmt sie eine Auszeit im Job. Ihren Sohn kontrolliert sie nicht mehr, sondern diskutiert mit ihm. Er hat sein Abitur geschafft und ist kein Junkie geworden. „Ich kann die Dinge nicht ändern, nur meine Einstellung“, sagt sie. „Ich weiß jetzt, dass ich nicht alles im Griff haben kann.“

Mundle sieht die Erkrankungen seiner Patienten als Teil eines gesellschaftlichen Phänomens. „In Deutschland sehen viele Menschen das Leben nicht als Prozess, in dem sich ständig etwas ändert“, sagt er. „Dass alles gleich bleibt, ist aber eine Utopie!“ Wer könne heute schon sicher sein, dass sein Berufsbild in zehn Jahren noch genau wie heute aussehe? „Die einzige Möglichkeit mit der allgegenwärtigen Unsicherheit umzugehen ist, locker zu lassen und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen.“

Brigitte Schmidt ist heute glücklich, dass sie das Leben gelassener sehen kann. „Ohne meinen Zusammenbruch, hätte ich niemals etwas geändert“, sagte sie. Manchmal steht sie jetzt am Fenster, blickt in ihren verwilderten Garten und summt ein Lied aus dem Dschungelbuch, die Hymne ihres neuen Lebens: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit.“

Infos zu Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland:
Tel.: 030 / 31 01 89 60.

Im Internet unter:
www.netdoktor.de/Magazin/
Burnout-Geleerte-Akkus-5833.html
www.burn-out-forum.de

Frankfurter Rundschau 31.August 2010

 

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