Jan Ullrich: Gefangen in seiner Scheinwelt PDF Drucken E-Mail

Jan Ullrich

Gefangen in seiner Scheinwelt

Zeitgleich mit der Prozessniederlage gegen Werner Franke macht Jan Ullrich ein Burnout-Syndrom öffentlich.

Zurückgezogen: Der gefallene Radstar Jan Ullrich leidet an einem  Burnout-Syndrom.
Zurückgezogen: Der gefallene Radstar Jan Ullrich leidet an einem Burnout-Syndrom.
Foto: dpa

Geht es um das Wohl von Kindern, engagiert sich Jan Ullrich gern. Also willigte der berühmteste deutsche Radrennfahrer der jüngeren Vergangenheit ein, als er gebeten wurde, sich für die Tour Ginkgo 2010 in den Sattel zu schwingen. Vor ein paar Wochen strampelten prominente und weniger prominente Menschen drei Tage lang durch die schwäbische Provinz an der Ostalb, um Geld für ein Nachsorge-Projekt für kranke Kinder und deren Angehörige aufzutreiben. Der Familienvater aus Scherzingen war entgegen der Ankündigung nicht dabei. Ullrich hatte seinen Auftritt in Schwäbisch Gmünd kurzfristig abgesagt. Ein Virus soll ihn abgehalten haben.

Es ist nicht mehr als eine Mutmaßung, dass sich der 36-Jährige, der seine öffentlichen Auftritte in den vergangenen Jahren bereits auf ein Minimum reduziert hatte, damals einer Schutzbehauptung bediente. Am Donnerstag wandte sich der Tour-de-France-Sieger von 1997 jedenfalls über die eigene Homepage mit einer „persönlichen Mitteilung“ an seine Fans, die es in sich hat: „Vor einigen Tagen wurde bei mir ein Burnout-Syndrom diagnostiziert, das eine wohl längere Behandlung erfordert.

Burnout-Syndrom

Burnout bedeutet so viel wie „ausgebrannt sein“. Ein Burnout-Syndrom bekommen meist Menschen, die über lange Zeit an ihrer Leistungsgrenze arbeiten, sich in ihrem Beruf überengagieren und extrem hohe Erwartungen an sich selbst stellen. Gerade weil Burnout vor allem ehrgeizige Mitarbeiter trifft, ist deren schleichendes Abgleiten in den Burnout oft nicht erkennbar.

Ausgangspunkt ist häufig Überengagement im Beruf, der zum Lebensinhalt wird. Der Betroffene verleugnet seine Bedürfnisse. Anzeichen sind häufige Flüchtigkeitsfehler, völlige Erschöpfung, chronische Müdigkeit, Energiemangel und Konzentrationsstörungen. Oft folgt ein reduziertes Engagement, einige Betroffene machen Schuldzuweisungen und werden aggressiv. Es kann aber auch zu Depressionen und Angststörungen kommen. Die Suchtgefahr steigt.

Depressionen haben ein Reihe von Ursachen: Sie können auf das Burnout-Syndrom folgen oder aus anhaltender psychischer Überlastung entstehen. Manche Erkrankte haben eine erbliche Veranlagung, andere hatten schwere Schicksalsschläge oder leiden unter ungelösten Konflikten in der Kindheit.

Prominente Sportler, die an einem Burnout-Syndrom und/oder Depressionen erkrankt waren, sind unter anderem Robert Enke, Sven Hannawald, Ottmar Hitzfeld, Sebastian Deisler, Oliver Kahn, Jan Simak, Jennifer Capriati und Hanka Kupfernagel. (dpa/sid/fr)

Um eine baldige Genesung zu ermöglichen, werde ich mich deswegen in den nächsten Monaten vollständig aus der Öffentlichkeit zurückziehen.“ Ullrichs Problem ist, dass sich die Öffentlichkeit nicht von ihm zurückziehen mag und just an dem Tag, an dem er bekanntgab, wegen seiner emotionalen Erschöpfung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, aus Hamburg frisches Futter erhielt: Das dortige Landgericht wies Ullrichs Unterlassungsklage gegen Werner Franke ab.


Die Zeit nach der Karriere kann für Hochleistungssportler problematisch sein. „Sie müssen in den letzten Jahren ihrer aktiven Zeit eine Brücke ins Leben danach finden“, sagt der im Radsport tätige Fürther Sportpsychologe Klaus Egert. Doch das Karriereende komme oft abrupt. Deshalb müssten Ex-Spitzensportler „aufgefangen werden, aber auch in die Lage versetzt, sich selbst aufzufangen“. Es ist keine gewagte Behauptung, dass Jan Ullrich dies misslang.


Veröffentlicht: Frankfurter Rundschau am 13.08.2010

 

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